Trinkgeld per Karte: Wenn das Bezahldisplay zum Mitentscheiden drängt

Symbolfoto: Pixabay

Wie Bezahldisplays die Entscheidung beeinflussen

(mar 6.9.26) Ob Kaffee und Kuchen, zwei Pizzen zum Mitnehmen oder das Familienessen im Restaurant: Trinkgeld gehört für viele Gäste selbstverständlich dazu. Wird allerdings mit Karte oder Smartphone bezahlt, präsentieren immer mehr Terminals bereits vorgegebene Trinkgeldbeträge. Verbraucherschützer und Gewerkschaften sehen darin teilweise eine subtile Beeinflussung.

Auf den Displays stehen dann beispielsweise Optionen wie sieben, zehn oder 20 Prozent. Wer schnell bezahlen möchte, kann sich dabei unter Druck gesetzt fühlen. Ramona Pop, Chefin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, fordert deshalb, dass auf den ersten Blick erkennbar sein müsse, wie Gäste kein Trinkgeld geben oder einen eigenen Betrag festlegen können.

Der Verband setzt sich nach ihren Angaben auf europäischer Ebene für ein Verbot solcher „manipulativer Designtricks“ ein, wie sie auch von Webseiten oder Apps bekannt sind.

„Kein Trinkgeld“ soll genauso sichtbar sein

Problematisch wird es aus Sicht der Verbraucherschützer vor allem dann, wenn die Möglichkeit, kein Trinkgeld zu geben, versteckt oder weniger auffällig dargestellt wird. Vorgegebene Prozentbeträge seien auf manchen Displays größer oder farblich stärker hervorgehoben als andere Auswahlmöglichkeiten.

Daneben gibt es meist auch Optionen wie „freie Eingabe“, „benutzerdefiniert“ oder „anderer Betrag“. Damit können Gäste beispielsweise statt einer Prozentangabe einen konkreten Betrag wählen und ihre Rechnung um 3,70 Euro auf einen glatten Betrag aufrunden. Auch die Möglichkeit, überhaupt kein Trinkgeld zu geben, ist bei digitalen Bezahlsystemen grundsätzlich vorhanden.

„Viele Menschen geben gerne und freiwillig Trinkgeld, um guten Service wertzuschätzen“, sagt Pop. Problematisch werde es, wenn Gäste dabei gedrängt oder manipuliert würden. „Niemand ist verpflichtet, Trinkgeld zu geben.“

Eine Umfrage im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands zeigt, dass 76 Prozent der Befragten dafür sind, dass die Möglichkeit, kein oder weniger Trinkgeld zu geben, genauso sichtbar und einfach auswählbar sein sollte wie vorgeschlagene Beträge.

Viele fühlen sich beeinflusst

Auch die Frage, ob auffällig dargestellte Trinkgeldoptionen zum Geben eines Trinkgelds drängen, sorgt für unterschiedliche Reaktionen. In einer repräsentativen Forsa-Umfrage für den Verbraucherzentrale Bundesverband bejahten dies gut die Hälfte der Befragten: 36 Prozent stimmten der Aussage voll und ganz zu, weitere 16 Prozent eher. 42 Prozent fühlten sich dagegen tendenziell nicht zum Trinkgeldgeben gedrängt.

Für die Erhebung wurden vom 3. bis 5. August 1.009 Menschen ab 18 Jahren befragt.

Gastronomie verweist auf verändertes Zahlungsverhalten

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) verweist auf den zunehmenden Trend zum bargeldlosen Bezahlen. „Immer mehr Menschen sind bargeldlos unterwegs und bezahlen mit der Karte oder dem Handy“, sagt Jürgen Benad, Rechtsexperte des Verbands.

Die Integration von Trinkgeldoptionen in Kartenterminals biete Gästen eine zusätzliche Möglichkeit, ihre Wertschätzung auszudrücken. Gleichzeitig werde das Trinkgeldgeben erleichtert, wenn kein Bargeld zur Hand sei.

Benad betont jedoch ebenfalls den freiwilligen Charakter: „Ob und in welcher Höhe ein Gast Trinkgeld gibt, bleibt jedoch stets eine persönliche Entscheidung.“ Neben dem Service könnten dabei auch die Atmosphäre und die Qualität der Speisen eine Rolle spielen. Wer kein Trinkgeld geben möchte, könne selbstverständlich die entsprechende Option auswählen. „Trinkgeld ist und bleibt ein freiwilliges Dankeschön des Gastes.“

Skepsis gegenüber voreingestellten Beträgen

Wie verbreitet die Skepsis gegenüber vorgegebenen Trinkgeldbeträgen ist, zeigte bereits eine im Frühjahr vorgestellte Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Demnach fanden 29 Prozent der 1.004 Befragten ab 16 Jahren solche Optionen beim Bezahlen mit Karte praktisch.

Gleichzeitig waren 64 Prozent der Ansicht, dass vorgeschlagene Trinkgeldbeträge dazu führen, dass mehr Trinkgeld gegeben wird als ursprünglich geplant.

Gewerkschaft fordert Transparenz

Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) geht davon aus, dass digitale Trinkgeldfunktionen künftig eine größere Rolle spielen werden. NGG-Vorsitzender Guido Zeitler sieht darin durchaus Vorteile für Beschäftigte, da immer mehr Gäste mit Karte bezahlen und ohne digitale Möglichkeit teilweise gar kein Trinkgeld geben würden.

Entscheidend sei allerdings, dass digital gegebenes Trinkgeld auch tatsächlich bei den Beschäftigten ankomme. „Der Gast muss sicher sein können, dass digital gegebenes Trinkgeld genauso wie Bargeld vollständig, transparent und nachvollziehbar bei den Beschäftigten ankommt.“

Auch bei der Gestaltung der Bezahlsysteme fordert die Gewerkschaft Transparenz. Die Gäste dürften nicht subtil zum Trinkgeldgeben gedrängt werden. „Auch bei digitaler Bezahlung muss es eine freiwillige Entscheidung der Gäste bleiben. Sie sollten dabei keinen Druck verspüren“, mahnt Zeitler.

Verbesserungsbedarf sieht die NGG insbesondere dort, wo Bezahlsysteme Kundinnen und Kunden durch ihre Gestaltung gezielt in eine bestimmte Richtung lenken. Die Möglichkeit, kein Trinkgeld zu geben oder einen eigenen Betrag einzugeben, müsse deshalb genauso sichtbar und einfach nutzbar sein wie die vorgegebenen Optionen.

Grundsätzlich stellt Zeitler zudem klar: „Trinkgeld ist ein Zeichen der Wertschätzung für einen guten Service. In erster Linie ist es aber die Aufgabe des Arbeitgebers, die Arbeit gut zu entlohnen.“

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