Tanten-Parkour: Wenn Parkbänke zu Turngeräten werden
(eme 28.1.26) Vom Bach zum Bewegungstrend: Wie Schwedens Tanten-Parkour eine ganze Generation in Bewegung bringt
Es war nur ein kleiner Bach. Doch für Maria Ringsén wurde er zum Wendepunkt. Die Musiklehrerin aus dem schwedischen Boras stand während einer Wanderung plötzlich vor dem Hindernis und merkte erschrocken: Sie traute sich den Sprung nicht mehr zu. Was sie als Kind spielend leicht geschafft hätte, schien ihr mit 61 Jahren unmöglich geworden. Diese Blockade saß tief, doch statt sich damit abzufinden, wurde die Schwedin aktiv.
Jedes Hindernis eine Chance
Ringsén brauchte keine teure Fitnessstudio-Mitgliedschaft. Sie fand ihre Lösung auf dem Gehweg vor ihrer Haustür, im Park um die Ecke, an Haltestellen und Spielplätzen. Mit einem neuen Blick auf ihre Umgebung erkannte sie überall Trainingsmöglichkeiten. Der Baumstamm am Wegesrand lädt zum Balancieren ein, die Parkbank wird zur Klettergelegenheit, am Fahrradständer lässt sich herrlich dehnen. Sogar ein Zaun taugt für einen kleinen Klimmzug.
Spektakuläre Akrobatik ist nicht das Ziel – vielmehr geht es darum, jeden Tag ein bisschen zu machen. Auf dem Weg zur Arbeit, beim Spaziergang, auf dem Heimweg vom Einkaufen. Kleine Bewegungen, die sich summieren. Steine zum Gleichgewichtstraining, Geländer zum Hinunterrutschen, enge Baumreihen zum Hindurchschlängeln. Was Kinder instinktiv tun, hatte Ringsén sich wieder angeeignet.
Ein Name mit Augenzwinkern
„Tantparkour“ – der Begriff sitzt perfekt. „Tant“ bedeutet im Schwedischen so viel wie ältere Dame oder Tante, kombiniert mit dem dynamischen Wort Parkour entsteht ein herrlicher Kontrast. Ringsén wählte den Namen mit Bedacht. Die Selbstironie gehört für sie zum Konzept dazu. Natürlich sieht es lustig aus, wenn eine ältere Frau im Park herumturnt. Und genau das ist ja auch gewollt. Kein verbissenes Fitnessprogramm, sondern spielerische Leichtigkeit.
Die Idee sprach sich herum. Zunächst erzählte Ringsén nur Kollegen davon, dann meldeten sich Medien. Das Interesse explodierte förmlich. 2023 folgte die Krönung: „Tantparkour“ wurde in Schweden zur Wortschöpfung des Jahres gewählt. Heute verfolgen über 50.000 Menschen ihre Abenteuer auf Instagram. Frauen im ganzen Land machen es ihr nach, erobern Spielplätze und Bushaltestellen, turnen auf Bänken und hangeln sich an Geländern entlang.
Mehr als nur Fitness
Dass die Bewegung auch wissenschaftliches Interesse weckte, überraschte Ringsén selbst. Eine Universität untersuchte den Tantparkour auf seine gesellschaftliche Wirkung – mit interessanten Ergebnissen. Ältere Frauen, die sich den öffentlichen Raum auf diese Weise aneignen, durchbrechen Altersstereotypen und werden sichtbarer. Daran hatte die Musiklehrerin nie bewusst gedacht, doch sie findet es gut.
Medizinisch betrachtet trainiert der Tantparkour genau die Fähigkeiten, die im Alter entscheidend sind: Beweglichkeit, Koordination, Kraft und Ausdauer. Heike Bischoff-Ferrari, Altersforscherin an der Universität Basel, hebt besonders die psychologische Komponente hervor. Sich selbstbewusst im Freien zu bewegen, neugierig zu bleiben und spielerisch durchs Leben zu gehen – all das trägt zu gesundem Altern bei.
Gemeinsam lachen, länger leben
Der soziale Aspekt macht den Unterschied. Wenn mehrere Frauen gemeinsam ihren Tantparkour machen, wird viel gelacht. Diese Mischung aus körperlicher Aktivität, mentalem Wohlbefinden und sozialen Kontakten gilt in der Forschung längst als Rezept für ein langes, gesundes Leben. Übrigens profitieren nicht nur Frauen davon – das Konzept funktioniert geschlechtsunabhängig.
Studien belegen eindeutig: Regelmäßige Bewegung, die Spaß macht und in den Alltag integriert ist, verlängert die gesunde Lebenszeit erheblich. Was Maria Ringsén aus persönlicher Frustration heraus entwickelte, hat mittlerweile das Potenzial, die Art und Weise zu verändern, wie eine ganze Generation altert. Ihre Botschaft ist simpel: Man muss nicht warten, bis die Beweglichkeit verloren geht. Man kann sie sich einfach zurückholen – Schritt für Schritt, Hindernis für Hindernis, mit einer ordentlichen Portion Selbstironie und der Gewissheit, dass jede Parkbank eine Trainingsgelegenheit bereithält.
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