Wenn der Mond die Sonne knabbert: Was Nußloch heute Abend am Himmel erwartet
(eme 12.8.26) Nudelsieb statt Spezialbrille: So lässt sich die Sonnenfinsternis heute sicher beobachten
Wer heute Abend gegen kurz nach sieben zufällig aus dem Fenster schaut, wird vermutlich erst einmal nichts Ungewöhnliches bemerken. Und doch verschiebt sich am Himmel gerade etwas, das es in dieser Deutlichkeit erst wieder im Jahr 2081 zu sehen geben wird: Der Mond schiebt sich vor die Sonne und nimmt ihr an unserem Standort bis zu 89 Prozent ihres Lichts. Eine totale Verfinsterung bleibt uns in Nußloch verwehrt, die zieht weiter nördlich über Grönland, Island und Nordspanien hinweg – dort wird es für gut anderthalb Minuten tatsächlich dunkel wie in der Nacht. Bei uns bleibt es bei einer tiefen partiellen Finsternis, aber die hat es in sich.
Gegen 19:21 Uhr beginnt der Mond, sich von rechts unten in die Sonnenscheibe zu schieben, wie das Haus der Astronomie in Heidelberg für unsere Region berechnet hat. Den Höhepunkt erreicht das Schauspiel um etwa 20:14 bis 20:15 Uhr, wenn nur noch eine schmale Sichel am oberen Sonnenrand übrig bleibt. Kurz danach, gegen 20:51 Uhr, verschwindet die verfinsterte Sonne dann ohnehin am Horizont, weshalb sich ein Blick nach Westnordwesten lohnt – auf offenes Gelände, einen Weinberg oder eine andere Anhöhe mit freier Sicht Richtung Rheinebene. Die Sonne steht während des gesamten Ereignisses ungewöhnlich niedrig, zum Maximum nur noch rund vier Grad über dem Horizont, kaum mehr als drei Fingerbreit.
Warum die Restsonne trotzdem gefährlich bleibt
Man könnte meinen, bei 89 Prozent Verdunkelung sei der Blick nach oben doch längst ungefährlich geworden. Genau hier liegt aber die Tücke der ganzen Sache, und das Bundesamt für Strahlenschutz wird in seiner aktuellen Warnung deutlich: Weil die Sonne bei uns niemals vollständig verschwindet, bleibt der übrig gebliebene Sichelrand hell genug, um die Netzhaut innerhalb weniger Sekunden dauerhaft zu schädigen (Bundesamt für Strahlenschutz). Der Grund liegt schlicht in der Physik des Auges: Linse und Hornhaut bündeln das einfallende Licht so stark, dass auf der Netzhaut regelrechte Verbrennungen entstehen können, wie Augenärzte immer wieder betonen. Und weil die Netzhaut selbst keine Schmerzrezeptoren besitzt, merkt man davon im Moment des Hinschauens gar nichts – der Schaden zeigt sich oft erst Stunden später, wenn es zu spät ist.
Was viele überrascht: Eine gewöhnliche Sonnenbrille hilft hier überhaupt nicht weiter, auch nicht, wenn man gleich mehrere davon übereinanderlegt. Ebenso wenig taugen rußgeschwärzte Gläser, alte Filmstreifen, CDs, Rettungsdecken oder normale Schweißerbrillen als Schutz – manche dieser vermeintlichen Hilfsmittel lassen sogar unbemerkt Infrarotstrahlung durch, was die Situation eher verschlimmert als verbessert (rbb24). Besonders riskant wird es bei der Beobachtung durch ungeschützte Ferngläser, Teleskope oder Kamera-Objektive, denn diese Optiken bündeln das Sonnenlicht zusätzlich und können den Effekt noch verstärken.
Die Lochkamera aus Omas Küche
Wer keine zertifizierte Sonnenfinsternisbrille mit CE-Kennzeichnung mehr auftreiben konnte – und die dürften heute in vielen Optikergeschäften der Region längst vergriffen sein –, muss den Abend deswegen nicht verpassen. Der Heidelberger Astronomie-Experte Markus Nielbock empfiehlt einen Trick, den vermutlich jeder Haushalt parat hat: ein ganz gewöhnliches Nudelsieb. Hält man es mit dem Rücken zur Sonne und lässt das Licht durch die vielen kleinen Löcher fallen, entsteht auf dem Boden oder einem Blatt Papier ein ganzes Feld winziger Sichelbilder – jedes Loch wirkt dabei wie eine eigene kleine Lochkamera (Heidelberg24). Ich finde diesen Moment fast schöner als den direkten Blick durch eine Spezialbrille, weil man auf einen Schlag Dutzende Abbilder der Finsternis sieht statt nur eines einzigen.
Ähnlich funktioniert die klassische Camera obscura, die auch das Bundesamt für Strahlenschutz Familien mit Kindern ausdrücklich ans Herz legt, da man dabei zu keinem Zeitpunkt selbst in Richtung Sonne blicken muss (tagesschau.de). Ein kleines Loch in einen Karton gestochen, mit ausgestrecktem Arm zur Sonne gehalten, und das Bild wirft man auf eine zweite Fläche im Schatten – fertig ist der improvisierte Projektor. Wer einen Baum mit dichtem Blätterdach in der Nähe hat, kann sich die Bastelei sogar sparen: Das Laub wirkt wie tausend kleine Lochkameras gleichzeitig, und auf dem Boden darunter tanzen dann sichelförmige Lichtflecken statt der gewohnten runden.
Besitzer eines Fernglases sollten der Versuchung widerstehen, einfach hindurchzuschauen. Stattdessen lässt sich auch damit das Sonnenbild auf ein weißes Blatt Papier im Schatten projizieren, was nach übereinstimmender Einschätzung mehrerer Fachleute eine der sichersten Beobachtungsmethoden überhaupt darstellt.
Wer heute Abend nicht allein schauen will
In Heidelberg hat sich einiges rund um das Ereignis entwickelt, und auch von hier aus lohnt sich vielleicht der Weg. Der Deutsche Alpenverein Heidelberg lädt im Rahmen des städtischen Programms „Sport im Park“ zu einem gemeinsamen, anmeldefreien Aufstieg auf den Königstuhl ein, Treffpunkt ist um 17:45 Uhr an der Bergbahn-Talstation in der Altstadt. Das Haus der Astronomie selbst hat bereits am Vortag im Forum am Park mit einem letzten Vortrag auf das Ereignis eingestimmt und über 32.000 Sonnenfinsternisbrillen an rund hundert Schulen in Heidelberg, Mannheim und dem Rhein-Neckar-Kreis verteilt, damit auch die Jüngsten das Naturschauspiel gefahrlos verfolgen können.
Ob am Ende tatsächlich freie Sicht besteht, hängt an diesem Abend natürlich auch vom Wetter ab. Sollte es an unserem Standort bewölkt sein, bleibt immerhin der Trost, dass anderswo in Europa bessere Bedingungen herrschen könnten und Livestreams aus den Regionen mit Totalität übertragen werden. Sicher ist jedenfalls: Wer heute Abend einen Blick riskiert, sollte es mit Bedacht tun – und notfalls eben mit dem Nudelsieb aus der Küchenschublade.
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